Wenn gegensätzliche Lebenstempowelten aufeinander prallen: Bleiben Sie neugierig.

Sie kennen das sicher auch: Sie freuen sich auf einen gemütlichen Abend mit dem Partner oder ein schönes Essen mit ihrer besten Freundin. Der eine kommt  von einer Dienstreise zurück oder direkt von seinem Büro aus der internationalen Businesswelt. Der andere hatte einen nicht ganz so turbulenten Home-Office-Tag oder hat sich um die Kids gekümmert. Beide hatten viel zu tun. Der eine hatte ein Meeting nach dem anderen, Telefonkonferenzen und eine unzählige Anzahl von E-Mails zu beantworten. Den anderen hat die kreative Aufgabe für einen Kunden beschäftigt. Er hat überlegt, gebrainstormt, strukturiert. Das Telefon war aus- und der Anrufbeantworter eingeschaltet. Oder Sie haben als Elternteil die Kinder von A nach B kutschiert, einen Geburtstagskuchen gebacken und die Hausaufgaben überwacht.

Der eine hat im übertragenen Sinn einen Speed von 100 Stundenkilometern. Der andere von Tempo 40.

Der Schnelle von den beiden ist zu erkennen an seinen fahrigen Gesten, seinen schnellen Sätzen, den Wörtern, die er benutzt: Schnell-schnell oder mal eben kurz. Er winkt die Servicekraft herbei und bestellt ungeduldig die Getränke.

Der Langsamere von den zweien ist zu erkennen an seinen besonnen Gesten, seinen eher langsam gesprochenen Sätzen und Pausen. Er studiert ggfs. auch länger die Speisenkarte und überlegt noch, was er bestellen mag.

Beide beginnen zu denken: Das habe ich mir aber anders vorgestellt heut Abend. Verdrehen schon innerlich die Augen. Sind genervt vom anderen. Der eine fühlt sich gestresst, der andere gelangweilt. Es wird mit den Fingern auf der Tischplatte getrommelt,  getrödelt oder angetrieben.

Crash. Rums. Peng. Da knallen zwei Lebenstempo-Welten aufeinander. Im schlimmsten Fall findet man das andere Lebenstempo „nur blöd“ und wendet sich gedanklich ab. Wenn man sich dann mehr und mehr einigelt und nur noch in seinem Fahrwasser kreist, findet man den Anschluss nicht mehr. Das will man ja eigentlich auch nicht.

Ich höre und erlebe das in meiner Coachingpraxis immer wieder. Vor allem Paare, Freunde und auch Teams sind gefordert das andere – nämlich fremde Lebenstempo – aufmerksam zu beobachten und kennenzulernen.

„Mir geht der andere auf den Nerv … mit seinem ewigen „nun mal los“ oder mit seinem „ich brauche noch Zeit“.

Sie werden es sich schon denken: Weder die Langsamkeit noch die Schnelligkeit sind schlecht. Beide sind wichtige Qualitäten und gehören zu unserem Leben dazu. Der eine mag es eben gerne schnell, der andere eher beschaulich und langsam. Beide sind in Ordnung. Das ist erstmal die wichtigste Ausgangslage um sich besser zu verstehen und kennenzulernen. Allerdings leben auch wir meist beide Facetten. Oder sind Sie immer nur schnell oder nur langsam? Ich jedenfalls kann beides gut: schnell sein und langsam sein. Wie steht es mit Ihnen?

Wer weiß, was der Schnelle alles zu erledigen hat. Welche Pflichten und Aufgaben ihn erdrücken. In seine Seele können wir nicht hineinschauen. Es bleibt kaum Zeit zum Luft-holen und Entspannung. Wir könnten ihn freundlich fragen: Hey, was ist los? Komm‘ mal runter!

Der Langsamere hat vielleicht Angst, Dinge verkehrt zu machen. Fürchtet sich vor Schnelligkeit oder dass ihm die Dinge über den Kopf wachsen. Die Langsamkeit schützt ihn. Der Schnellere kann eine Brücke bauen und Unterstützung anbieten: „Hey, ich helf Dir. Ich mach’s jetzt mal in Deiner Geschwindigkeit“.

Ich habe zum Beispiel ziemlich Schiss vor zu schnellem Autofahren (ab 160 km/h aufwärts). Ich bin aber auch schlecht im Skifahren: ich konnte noch nie schnell einen Hang hinunter rasen. Ich benötige immer Anlaufzeiten, Ankomm-Zeiten, Atempausen …. Mein Mann liebt schnelles Autofahren und kann auch schwarze Pisten hinabsausen. Hui. Ich staune nicht schlecht.

Welche Fragen tauchen immer wieder auf?

Wie komme ich mit dem anderen klar, der ein anderes Lebenstempo lebt?

Wie finde ich mehr Verständnis für ihn? Für mich?

Wie geht es mir, wie fühle ich mich, wenn der andere schneller oder langsamer ist?

Was kann ich vom Langsamen lernen?

Was kann ich vom Schnellen lernen?

Wie kann man das nun lösen so dass sich beide wohl fühlen, sich gegenseitig wertschätzen und in ihrem Anders-sein respektieren? 

1. Nicht neu: Das A und O: Miteinander reden!!

…. über das was Sie wahrnehmen z.B. Gesten, Verhaltensweisen:

„Ich erlebe, dass Du mich immer wieder unterbrichst, wenn ich Dir etwas erkläre oder erzähle“

„Du sprichst wie ein Maschinengewehr, mit schwirrt der Kopf“

„Mich nervt total, dass ich ewig warten muss, bis Du alles beisammen hast: Schuhe, Tasche, Jacke, Schlüssel …. „

Damit schaffen Sie einen Status Quo. Vor allem signalisieren Sie dabei Ihre Gefühle:

„Ich fühle mich gestresst, genervt, ausgebremst …. „

2. Seien Sie erfinderisch. Probieren Sie aus:

Damit der andere das ungewohnte Tempo kennenlernen kann: Planen Sie einen Lebenstempo-Überraschungstag:

Lassen Sie sich etwas einfallen für den anderen. Der andere wird eingeladen und muss „folgen“ und mitmachen ohne zu Murren:

Das kann ein Picknick im Freien sein. Oder Sie verschenken einen Schnupperkurs Salsa oder Yoga oder einen Tag beim Formel-1-Rennen. Wenn der Eingeladene murrt über das fremde Tempo: „Nein, ich will nicht“. Gilt nicht! Dann wird die rote Karte gezeigt.

Natürlich geht auch ein Abhängtag auf dem Sofa oder „heute bleiben wir im Bett“.

3. Beugen Sie vor:

* Gehen Sie allein eine Runde um den Block

* Machen Sie eine Entspannungs- oder Atemübung

* Joggen oder walken Sie

* Gehen Sie gemeinsam auf einen Spaziergang. Gehen Sie mal langsam, mal schnell. Wie wirkt das andere Tempo auf Sie? Sprechen Sie darüber. Probieren Sie es wenigstens mal aus. Sagen Sie nicht sofort „Nein“ 😉

4. Suchen Sie sich Lebenstempo-Gleichgesinnte

Ich habe neuerdings eine wirklich wundervolle neue Bekannte. Sie ist Bio-Tante wie ich, Gastgeberin in ihrem Bed and Breakfast. Sie hat mir Luzern gezeigt. Es war schön mit ihr im gleichen Tempo und gleichgesinnt durch ihre Stadt zu schlendern.

5. Gestalten Sie einen Tag nur für sich und genießen Sie Ihr Tempo, ob schnell oder langsam.

Klicken Sie hierzu zur Checkliste: Zeit für mich.

Was glauben Sie, können Sie vom anderen Lebenstempo lernen? Welche Chancen und Herausforderungen entdecken Sie? Stellen Sie sich vor, Sie entdecken ganz neue Qualitäten am anderen und für sich selbst? Wie wäre das?

3 Responses to Wenn gegensätzliche Lebenstempowelten aufeinander prallen: Bleiben Sie neugierig.

  1. Liebe Frau Schuseil,

    das Foto ist ja wieder klasse, Stein und Wasser.
    Die Metaphern und Vorschläge zum Gehen treffen am ehesten meinen Nerv. „Musst du immer so rennen?“, sagt der Meinige zu mir. Wir trennen uns mittlerweile für die Besorgungen, können aber auch zusammen schlendern, wenn das vorher vereinbart ist (heute gucken wir mal nach einer schönen Jacke für ihn).

    Das Lebenstempo der Anderen ist in der Schule ein Thema, weniger im Privaten. Die Kollegen, die immer Zeit für ein Schwätzchen haben, bei denen man immer sagen muss „Du, ich muss los, wir mailen …“, die halte ich nur schwer aus. Auch wenn ich sie sehr mag, gerade für ihre Sorgfalt und die Fähigkeit, sich abzugrenzen.

    Auch schwierig: Leute, die in meinen Augen zu nichts kommen, weil sie sich Entscheidungen nicht stellen, also „stehen blieben“. Ich habe da so eine spezielle Freundin, die ich sehr mag (hat mal bei mir gewohnt), die oft stehen bleibt und mich dann um Rat fragt. Ich rate und unterstütze dann nach Kräften mit dem Ergebnis, das alles bleibt wie vorher. Für sie geht es einfach nicht anders, das habe ich kapiert, und die Schritte folgen dann langsam und mit gehörigem zeitlichen Abstand. Zum Glück haben wir eine gute, ehrliche Beziehung. Wenn ich mich zurückziehe, weil ich ihr mangelndes Tempo nicht mehr ertrage, fragt sie einige Wochen später an, was los ist und erzählt mir so nebenbei, was sie alles auf den Weg gebracht hat. Dann kann ich ihr sagen, dass ich einfach auf ein Zeichen von ihr warte, wann es „weiter“ geht.

    Nun ist es aber nicht so, dass mein Gerenne mich immer glücklich macht. Es ist eher die Alternative zu dem, was ich nicht aushalte: stehen, warten. Es gibt im „Krabat“ von Otfried Preußler einen Satz, der mich gut charakterisiert: „Nun läuft sie wieder!“, ruft der Müller, wenn wieder einer der Gesellen sterben musste und das neue Jahr angebrochen ist. Meine Mühle muss laufen. Das ist nicht dramatisch, aber unveränderlich, es ist meine Bestimmung. Der Ausgleich durch den Menschen an meiner Seite, der ruhig und gemessen agiert, nicht alle Pflichten sofort erfüllt und sich Zeit zum Spielen und Träumen nimmt, ist ganz wichtig. Sofern er nicht dumpf vor sich hin döst, kann ich das akzeptieren und mir manchmal (in den Ferien) ein Beispiel daran nehmen.

    Schnell Ski fahren konnte ich auch nie ;), aber ansonsten darf es gerne schnell gehen. Schon als Kind liebte ich die Geschwindigkeit auf Rollschuhen, mit dem Fahrrad, beim Schwimmen, beim Reiten, später im Auto (ist längst vorbei). Ich liebe es, Dinge „in Gang“ zu bringen, auch wenn ich dann ihre Entwicklung abwarten muss.

    Der Blogeintrag zum Bücherbüffet ist draußen. War sehr schön, hat Folgen: nächstes Jahr stelle ich mit einigen Leuten zusammen auf der Mainzer Minipressen-Messe aus. Sowas liebe ich: heute da, morgen dort, Bewegung, Entwicklung.

    Danke für den schönen Anlass zur Selbstreflexion!

    Herzliche Grüße aus dem nasskalten Rheinhessen

    Ellen Löchner

  2. Petra sagt:

    Grüezi liebe Frau Löchner, mit großer Freude habe ich Ihren „kleinen“ Aufsatz gelesen. Da steckt ja eine Menge drin von Ihnen. Ihr Liebster, Ihre Freundin, ein Zitat, der Hinweis auf Ihren Blogeintrag. Wir sind uns einig: Es braucht beides: Das Schnelle und das Langsame. Die Zeit zum Schreiben ist auch so eine Zeit, die man sich nehmen muss. Ich habe ihren Blogeintrag zum Bücherbüffet nicht gefunden … mögen Sie uns den noch verraten?

    • Liebe Frau Schuseil,

      unter panthertigerco.blogspot.com finden Sie meine gesammelten Werke.

      Gestern gab’s hier den ersten Schnee. Und in der Schweiz?

      Viele liebe Grüße

      Ellen Löchner

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