Das Tempo halten


Veronika Hug aus Frankfurt hat letzte Woche eine Ferienwoche „Yoga und Wandern“ in Arosa geleitet. Wir waren eine nette Gruppe aus Deutschland (viele aus Frankfurt 🙂 ) und der Schweiz. Ich hatte nur 130 Kilometer vom Zürichsee zu fahren. Von Chur aus bin ich 30 Kilometer auf teilweise schmalen Straßen in die Höhe gekurvt. Arosa liegt auf 1800 Höhenmeter. Ein Kraftort, sagen alle. Wirklich phantastisch, den Bergen so nah zu kommen. Die Berggipfel reihen sich um den Ort. Herrliche Wanderwege laden zu schönen Touren ein. Frisch war es verglichen mit der Hitze, die sonst überall herrschte. Das ist ein Vorteil des Bergklimas. Dafür sind die Nächte kühl und abends draußen sitzen geht gar nicht.

Mit Ihnen möchte ich heute über „Das Tempo halten“ nachdenken. Schon beim Aufstieg nach Arosa aus dem Tal war es wichtig, auf den kurvigen engen Straßen das Tempo zu halten. Man kommt sonst schnell mit entgegen kommenden Fahrzeugen in die Bredouille.

Während unserer Urlaubstage waren täglich 1,5 bis 3 Stunden Yoga angesagt, je morgens und spätnachmittags. Dazwischen ging es in die Berge auf eine Tour. Die ersten beiden Tage waren die Wanderungen eher „gemütlich“. Am 3. Tag raubte zum Schluss ein Schlenker um das Dorf herum die letzte Kraft. Und doch machte ich mich am 4. Tag gleich wieder auf den Weg und überwand auf dieser Tour 450 Höhenmeter Aufstieg zum Gipfel.

Eine Bergsteigerregel heißt: auf den Schritt des Vordermanns achten und das Tempo halten. Das ist sicher leichter gesagt als getan wenn man ein ganz anderes Tempo geht als der Vordermann. Deshalb ist Langsamkeit und Stetigkeit wichtig. Das Tempo halten bedeutet: mit langsamen Schritten stetig weiter gehen. Aus früheren Wanderzeiten erinnerte ich mich, dass es angenehmer ist in kleinen Schlangenlinien den Berg zu erklimmen anstatt Schritt für Schritt steil nach oben zu wandern.

Wenn man nicht das Tempo hält läuft man Gefahr
– aus der Puste zu kommen
– aus dem Takt zu stolpern
– zu schnell Kraft zu verlieren
– zu oft zu pausieren
– unregelmäßige Schritte zu setzen
– vielleicht sogar einen Kollaps zu riskieren
– ggfs. das Ziel zu verpassen
– den Körper überzustrapazieren

Stellen Sie sich vor, ich wäre wie eine Gemse den Bergweg hoch gesprungen. Energieschonend wäre das nicht gewesen. Wenn ich es überhaupt bis nach oben geschafft hätte, spätestens dann wäre ich wahrscheinlich zusammen gebrochen und ein paar Tage ausgefallen. Ich hätte außerdem den Anschluss an die anderen WanderInnen verpasst bzw. hätte eine Weile auf sie gewartet.

Wann man dagegen das Tempo hält
– bewegt man sich gleichmäßig vorwärts
– fließt der Atem kontinuierlich: ein – aus
– kommt man langsam aber stetig voran
– hat man auch mal einen schnellen Blick für den schönen Ausblick, der sich bietet
– bleiben die Kraftreserven länger gefüllt
– ist man im Team unterwegs
– richtet man sich nach dem Schritt des Vordermanns
– ist man für den Hintermann Leithammel
– erreicht man sein Ziel gelassen

Wie schwierig es aber ist, das Tempo zu halten! Manchmal will man schell weiter kommen und ist ungeduldig, weil es zu lahm voran geht. Dann wieder ist man eher gemächlich unterwegs und erlebt, dass man ständig angeschubst wird. Kennen Sie das, wie schwierig es ist, mit dem Auto kontinuierlich 50 oder 100 Stundenkilometer zu fahren? Dafür gibt es ja Gott sei Dank „Cruise Control“. Mein Mann liebt es, den Autopiloten anzustellen. Ich dagegen hätte gerne die Kontrolle über die Geschwindigkeit und versuche mit meinem Fuß die Geschwindigkeit auf dem Pedal zu halten. Schwierig? Stimmt. Aber: Ich will entscheiden und das Tempo selbst halten.

Auf einer Wanderung ist man der Leithammel oder das Schlusslicht, je nach eigenem Tempobedarf. Ich finde man kann diese Bergerfahrung „Tempo halten“ nutzen, um sich im turbulenten Alltag „im Tal“ immer mal wieder daran zu erinnern.

Stellen Sie sich vor, ich wäre durch diesen Text gerast. Hätte schnell mal ein paar Gedanken zum Nachdenken platziert und hätte mich dann schon wieder von Ihnen verabschiedet. Sie hätten sich wahrscheinlich schnell verabschiedet und hätten weg geklickt. Wären mir gar nicht bisher gefolgt. Konnten Sie mir folgen?

Ich lerne gerade bei meiner Buchcoach und Schreibnudel, Gitte Härter, dass es wichtig ist, die Leser „bei der Hand zu nehmen“, in die Tiefe zu gehen, vorher für jeden Text ein kleines Konzept zu schreiben, sich über das Ziel klar zu werden „was will ich eigentlich ausdrücken?“

Es macht also sehr viel Sinn, stetig und kontinuierlich dranzubleiben, egal was man tut. So wie ich Sie durch diesen Text führe. Schritt für Schritt. Oder durch mein Buch, das gerade entsteht. Ich wünsche mir, dass Sie den Anschluss nicht verlieren und verstehen, worauf ich hinaus will. Ich merke, dass mir das zunehmend immer mehr Spaß macht. Wo ich doch bisher immer schnell schnell meine Texte geschrieben habe.  Viel zu schnell und gerne bin ich von Thema zu Thema gesprungen (wie eine Gemse?). Verwirre mich und die anderen und komme gar nicht so recht auf den Punkt.

Ich versuche zur Zeit, immer öfter an einem wichtigen Aspekt dran zu bleiben, zu verweilen und in die Tiefe zu gehen. Das „Tempo halten“ gefällt mir persönlich besonders gut. Es kann auf jedes Projekt übertragen werden, das man sich gerade vornimmt. Wenn man sich gut vorbereitet, wichtige Aspekte vorher einkalkuliert, den ersten Schritt macht und kontiniuerlich dran bleibt, dann erreicht man auch das Ziel. Egal wieviele Zwischenetappen, Sturmtiefs und Höhen zu meistern sind. Wenn man dran bleibt, hat man mehr davon. Mehr Genuss. Mehr Gelassenheit. Mehr Gewinn.

Ich habe viel gelernt in den Bergen. Ich habe erfahren, dass mein Körper eine Menge Kraft und Ausdauer hat. Auch wenn ich dachte „ich kann nicht mehr“. Gerade beim Yoga morgens oder spätnachmittags nach dem Wandern. Nicht nur ich war müde oder schlapp bzw. schläfrig. Wir haben es alle geschafft. Durch die Bewegung wird der Körper aktiviert. Durch bestimmte Übungen wird die Kraft angekurbelt oder auch entspannt. Aber immer mit Bedacht, immer mit viel Vorbereitung, damit die Muskeln sich nicht verzerren. Die tägliche Wiederholung war sozusagen das I-Tüpfelchen. Wir haben das Tempo gehalten – eine Woche lang. Beim Yoga wie beim Wandern.

Nun gilt es im Alltag auf das Tempo zu achten. Wie halten Sie es damit?

7 Responses to Das Tempo halten

  1. Liebe Petra,

    Dein Artikel gefällt mir sehr gut! Er beinhaltet schöne und anregende Überlegungen und er ist persönlich gehalten. Beides spricht mich als Leserin an.

    Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, das Tempo zu halten. Dabei geht es einerseits um das Dranbleiben, aber andererseits auch um das Nicht-zu-schnelle-Angasen.

    Kennst Du das? Dass man zu schnell loslegt und dann nicht mehr die Kraft für den Endspurt hat.

    Dieses Phänomen kenne ich nicht nur vom Sport, sondern auch aus dem Berufsleben. Auch bei meinen Kundinnen und Kunden erlebe ich das immer wieder: Sie starten voll Energie in ein Projekt und plötzlich geht ihnen die Luft aus. Da muss man die Kräfte sammeln – und dann nochmals los! :))

    Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Artikel!

    Herzlichen Gruß
    Huberta

  2. Hallo Huberta, ist ja fast wie auf dem Weg zum Gipfel: dass einem trotz allem die Puste ausgeht. Ein Zurück gibt es meist nicht mehr. Also Kraft sammeln, eine kleine Pause machen, ein paar Nüsse essen und weiter gehts. Wie im richtigen Leben. Wir lesen uns 😉

  3. Heike Tharun sagt:

    Liebe Petra Schuseil, regelmäßiger Schritt – im eigenen Tempo – , gleichmäßig atmen, kleine Pause machen, das eigene Tempo halten – nur so komme ich, ehrlich gesagt, beim Bergwandern sicher hoch. Beim Wandern ist dieser Ablauf selbstverständlich für mich. Mache ich automatisch. Mit diesem Artikel ist mir noch mal klarer geworden, wie diese Methode beim Erreichen von Zielen generell helfen kann. „Tempo halten“ bedeutet für mich -> nicht zu schnell, so wie es die Kräfte zu lassen, d.h. das eigene Tempo halten. Deshalb ist für mich Kontrolle über das Tempo auch wichtig. Und genau das möchte ich den Teilnehmern bei meinen Wanderungen ermöglichen…. Herzliche Grüße aus dem sonnigen Mainz – Heike Tharun

  4. Petra sagt:

    Liebe Frau Tharun, ich finde es SEHR gut, dass es Sie mit Ihrem Angebot gibt. Denn es kommt immer wieder zum Kräfte-messen am Berg zwischen den unterschiedlichen Konditionen. Dann bleiben die Langsameren enttäuscht und demotiviert zurück. Oder es gibt das Phänomen wie mir eine Leserin schrieb, dass Sie schnell schnell nach oben wollte und dann von einer langsameren Wanderin überholt wurde, die dann zuerst oben war, weil sich die Schnelle unterwegs erholen musste. Jaja. Interessantes Thema. Viel Spaß beim Wandern. Ich springe jetzt in den See. Tschüss.

  5. Liebe Frau Schuseil,

    das Geheimnis scheint mir darin zu liegen, dass man selbst das eigene Tempo kennt und anlegt. Wenn jemand Anderes etwas von mir verlangt im gleichen Tempo, das ich mir normalerweise aussuche, dann kommt die Erwartung des Anderen als zusätzlicher Druck ins Spiel. Und plötzlich bin ich in Eile, weiß nicht, ob ich das wirklich schaffen kann.

    Schnelles Tempo ist etwas Tolles, Euphorisierendes, langsames Tempo hat etwas Luxuriöses. Dazwischen liegt der Alltag, stetig, verlässlich, ausgeglichen. Wehe, wenn dieses Gleichmaß verloren geht.

    Vor gefühlten 1000 Jahren habe ich auf Fellen einen Berg erklommen, dessen Gipfel mein Exerl, seines Zeichens Skifahrer ab dem sechsten Lebensjahr, etwa eine Stunde später erreichte als ich. Da hatte ich eine ganz tollen „Vorgeher“, der sich auf mein Tempo (!) eingestellt hatte und mich mit zog. Eine Erfahrung, die ich nicht vergessen werde. Ich gehe gerne in der zweiten Reihe, vor allem im Job. Hauptsache, der „Vorgeher“ ist gut, dann komme ich überall hin. Der oben genannte Druck veranlasst mich immer noch zu hühnerhaften Herumgerenne. Ich möchte von meinem Vorgeher wahrgenommen werden und nicht in einem fest geschriebenen Tempo funktionieren müssen.

    Und manchmal klappt das auch. Bei einer Tour mit Heike Tharun, zum Beispiel ;).

    Viele liebe Grüße

    Ellen Löchner

  6. Liebe Ellen Löchner, das ist ja spannend was Sie mir da schreiben und muss ich gleich noch ein zweites Mal lesen.

    Ich finde das auch ein beruhigendes und ein motivierendes Gefühl, wenn jemand der schneller ist oder besser trainiert, auf mich wartet, mich mitnimmt, mich mitzieht. Sie haben das schön erklärt. Hühnerhaftes Herumgerenne kenne ich auch und da musste ich mal eben vor mich „hinkichern“. Gockgockgock … ich hab nämlich Hühner als Nachbarn 😉
    Herzliche Grüße

  7. […] Das Tempo halten – ein Blogbeitrag nachdem ich in Arosa eine herrliche Woche beim Wandern und Yoga verbracht habe. […]

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