Zeit für mich: Leseglück gönnen

Vor ein paar Tagen erzählte mir eine Freundin: „Meine Nachbarin sehe ich jeden Nachmittag in ihrem Sessel. Nahe dem Fenster sitzt sie und liest. Das jeden Tag. 2 Stunden“.

Klingt gemütlich und sehr entspannt, nicht wahr? Ich stelle mir vor, wie diese Dame während des Lesens immer mal wieder hinausschaut und ihren Gedanken nachhängt. Was sie wohl liest? Eine Biografie? Einen Roman? Einen Krimi? Vielleicht schmökert sie in einem Band mit Liebesgedichten? Oder im neuen Buch von Paul Ingendaay: Die romantischen Jahre. Vielleicht bereist sie aber auch lesend gerade einen fremden Kontinent? Asien? Südamerika?

Die Leserin bereitet sich für ihre Lesestunden sicher einen Tee. Vielleicht Darjeeling? Kräutertee? Früchtetee? Er ist noch heiß. Sie wartet bis sie ihn trinken kann ohne sich zu verbrennen. Vielleicht nascht sie auch einen Keks während ihrer Lektüre.

Ich stelle mir vor: Wenn sie aus dem Fenster schaut, genießt sie den November. Zur Zeit leuchtet die Natur in bunten Blätterkleidern. Wie das Rot des Ahorns leuchtet. Die grauen Straßen sehen aus wie anpinselt durch die gelben Blätter, die zur Zeit auf den Boden hinuntersegeln. Gegen 17.30 Uhr wird es schon dunkel und sie wird das Licht einschalten. Vielleicht mag sie die Winterzeit mit den kurzen Tagen, die zur Gemütlichkeit einladen. Vielleicht denkt sie mit Wehmut auch an eine verstorbene Freundin, die sie vermisst. Im November gedenken wir der Toten. Vielleicht liest sie ein Buch über die Trauer. Es tut gut auch mal zu weinen. Sie fühlt sich getröstet.

Dann wird sie vielleicht Kinderlachen hören. Oder einen vorbeiziehenden Schwarm Zugvögel am Himmel. Es schnattert und rauscht am Horizont. Die Kraniche ziehen in den Süden. Hunderte haben sich zu einem lang gezogenen V formiert und fliegen zielsicher in die Wärme.

Eines ist sicher. Für besagte Nachbarin ist Lesen wichtig. Und sie tut’s ausgiebig. Ich gebe zu, ich nehme mir selten die Zeit zum Lesen am Nachmittag. Eher abends. Immer wenn ich schlafen gehe. Ich schaffe nur ein paar Seiten, bis mir die Augen zufallen. Bei einem dicken Buch komme ich da nicht sehr weit. Die Weihnachtsferien laden ein, die Tage zu vertrödeln und zu lesen. Ich kenne jemanden, der freut sich jetzt schon auf diese faulen Lesetage. Können wir die nicht in den Alltag holen?

Lesen Sie tagsüber? Oder am Wochenende? Mein Ritual ist die Frankfurter Allgemeine am Sonntag zum Frühstück. Da haben wir den ganzen Tag zu tun, mein Mann und ich. Die Lektüre zieht sich bis in den Abend hinein. Überall sind die Zeitungsblätter verteilt. Auf dem Boden, dem Sofa … es gibt viel anregende Lesetipps im Feuilleton … die kann ich mir gar nicht merken und ich komme nicht nach mit Lesen.

Und wie Sie sehen, habe ich jetzt nicht gelesen sondern geschrieben. So ist das nämlich mit den Prioritäten – die müssen wir immer wieder neu setzen …. stimmen Sie mir zu?  😉 … schönen Sonntag

6 Responses to Zeit für mich: Leseglück gönnen

  1. Liebe Frau Schuseil,

    beim Jour fixe erzählte meine Freundin von „Der Weg des Künstlers“, ein Buch, das Aufgaben enthält, die zum kreativen eigenen Inneren führen. Eine Aufgabe: eine Woche lang nichts lesen oder schreiben. Uff. Ich habe das Buch bestellt und werde mal sehen, wie weit ich komme.

    Lesen ist immer, überall, angesagt. Das abendliche Lesen gehört dazu, aber ich versuche, Manches auch am Tag zu lesen, um es richtig würdigen zu können.
    Ganz große klasse ist die ipad-App der Frankfurter Rundschau. Ich als IBM/Ubuntu-Benutzerin bin da sicher nicht die Zielgruppe ;), finde aber, dass man den Rest der Rundschau, der da nicht drin ist, auch nicht braucht. Sie als FAZ-Leserin und Frankfurter Bürgerin würden sicher ein Feuilleton vermissen, diese Infos hole ich mir dann im Netz einzeln heraus.

    Lesen am Bildschirm geht nur für Sachtexte, für alles Andere hätte ich gerne ein BUCH! Da gehe ich dann erstmal in die Stadtbibliothek, gefällt mir etwas besonders gut, kaufe ich es anschließend. Ganz interessante Idee: bookcrossing. Man schreibt seine (Mail-)Adresse in ein Buch und legt es irgendwo gut sichtbar/ findbar hin. Vielleicht findet es einen neuen Besitzer, der es mag und einem das mitteilt. Das gehört für mich auch zum Lesen: Weitergeben, darüber reden.

    Den Paul Ingendaay werde ich sicher mal lesen, vielen Dank für die Anregung und ganz herzliche Herbstgrüße aus dem Sessel

    Ellen Löchner

  2. Oh … ich kenne das gut das Buch „Der Weg des Künstlers“ – dieses Buch ist ein wahrer „Longseller“ … hatte ich bestimmt vor 20 Jahren unterm Kopfkissen oder so ähnlich. Kommt mir jedenfalls ewig vor. Da gibt es viele schöne Anregungen. Unter anderem die „Morgenseiten schreiben“, die ich immer mal wieder zitiere. DIe Idee mit dem „bookcrossing“ habe ich auch schon mal gehört. Achja, der Sessel. Der wartet auf mich. Schönes Lesen weiterhin.

  3. Lesen ist wirklich immer wieder ein großes Gück. Und wenn es das richtige Buch ist, dann kann ich stundenlang die Welt um mich herum vergessen.
    Im Urlaub stöbere ich gerne in fast jeder Buchhandlung, die meinen Weg kreuzt. Und sehr selten verlasse ich das Geschäft ohne eine Neuerwerbung.
    Lesen inspiriert mich aber auch selbst zu schreiben. Es ist immer ein tolles Erlebnis, wenn dann nach langer Arbeit und Vorbereitung das eigene „Produkt“ Buch in das Licht der Öffentlichkeit tritt. Es ist bald wieder so weit.

    Herzliche Grüße aus dem Autorenwinkel

    Heike Barz-Lenz

  4. Liebe Frau Barz-Lenz, Sie FLeißige! Schon wieder wird ein neues Buch von Ihnen das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Toll! Da ich ja nun auch neben dem normalen Alltag schreibe, weiß ich was das bedeutet. Weiter so! GUtes Gelingen.

  5. Heike Tharun sagt:

    Liebe Frau Schuseil,
    ja, lesen. Ich bin auch eine Abends-Im-Bett-Leserin. Und ich schaffe oft auch nur wenige Seite. Was ich sehr schade finde. Als Kind habe ich Bücher verschlungen. Tütenweise habe ich das kostbare Gut aus der Bücherei nach Hause geschleppt. Später war das Vorlesen abends am Bett ein Ritual, das meine Kinder sehr geliebt haben. Es war oft der einzige Moment, wo wir mal ganz für uns waren. Ich glaube das Lesen ist eines der Dinge, die ich meinen Kindern erfolgreich mit auf den Weg gegeben habe.

    Gerade habe ich das Büchlein „Die Erinnerungen sehen mich an“ von Tomas Tranströmer, Literaturnobelpreisträger 2011, gelesen. Der Schwede Tranströmer ist bekannt dafür, dass er nicht viele Worte verliert. Braucht er auch nicht. Seine Sprache ist so klar, dicht und unvoreingenommen. Ganze 77 Seiten nur (übersichtlich gesetzt) benötigt der 80jährige um sein ganzes Leben zu skizzieren.

    Urheberrecht hin, Urheberrecht her, eine kleine Kostprobe muss sein: Der 5jährige Tranströmer hat im Gewusel der Stadt seine Mutter aus den Augen verloren. „Nach einer Stunde Panik fing ich an zu denken. Es müsste möglich sein, nach Hause zu gehen. Das war durchaus möglich. Hingekommen waren wir mit dem Bus… Jetzt galt es nur, denselben Weg zurückzugehen, Bushaltestelle um Bushaltestelle….Vielleicht ging ich dem Ziel nach demselben geheimnisvollen Kompass entgegen, den Hunde und Brieftauben bei sich führen… an diesen Teil habe ich keine Erinnerung. Doch: diejenige, dass mein Selbstvertrauen die ganze Zeit wuchs, und als ich nach Hause kam, befand ich mich in einem Rauschzustand. Großvater nahm mich in Empfang. Meine zerknirschte Mama saß bei der Polizei und verfolgte die Nachforschungen. Großvaters gute Nerven versagten nicht, er nahm mich ganz selbstverständlich in Empfang. Begreiflicherweise war er froh, aber er dramatisierte nicht. Alles war Geborgenheit und Natürlichkeit.“

    Das ist eine kleine Episode, die mich berührt hat: der Mut und das Vertrauen. Ein Büchlein, das mich so fasziniert hat, dass ich noch vor dem Einschlafen durch war 🙂

    Einen schönen Abend in die Runde.
    Herzliche Grüße
    Heike Tharun

  6. Petra sagt:

    Hallo liebe Heike Tharun, 77 Seiten in einem Rutsch durchgelesen und das im Bett vorm Einschlafen. Das war ja spannende Lektüre! Vor allem die Episode des kleinen Manns im Gewusel der Stadt, der seinen Weg zurückfindet nach Hause. So weit ich Sie kenne, haben Sie auch ein gutes Gespür, sich selbst und andere Menschen mit dem „Kompass“ durch den einen oder anderen „Dschungel“ zu navigieren. Danke für das kleine Lesevergnügen an dieser Stelle. Sie haben Ihren Kindern etwas sehr Wertvolles mit auf den Weg gegeben. Weiter so! Herzliche Grüße und schönes Lesen am Wochenende.

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