Bekommt Ihre bedürftige Seite Besuch?

Folgende Sinnierkarte aus dem Kartendeck „Zuspruch“ ist mir begegnet:

„Wenn nur die starke Seite einlädt, bekommt die bedürftige keinen Besuch“ (von Bernd Schmid)

Für mich war es eine Trefferkarte. Ich dachte mir „aha, trifft ja mal wieder genau“. Meine starke strahlende Seite die finde ich gut: Das ist die lebendige, kreative Frau mit viel Optimismus, Ideen und Plänen. Das ist die, die ihre Liebe und Freundschaft verschenkt, andere ermutigt und zuhört, sich für vieles interessiert und öffnet. Diese Frau weiß, was sie kann und was sie will.

Was aber ist mit dem Teil in mir, der bedürftig ist? Ich mache immer wieder den Fehler, diese Seite in mir zu ignorieren und büße es dann mit Krisenstimmung, manchmal mit Migräne … dabei habe ich einen gute Aufpasserin, die mir signalisiert: Halt! Kümmer Dich um die weniger starke Seite in Dir. Kommt Ihnen das bekannt vor? Diese Aufpasserin heißt auch Leibwächterin. Ich finde sie gut, dass sie da ist. Zunächst bemerke ich ein Grummeln in meinem Bauch, oder trübsinnige Gedanken, bin mir meiner nicht sicher, zweifle an meinen Entscheidungen, die Tage fließen eher zäh dahin.

Was braucht also diese bedürfte Seite? Aufmerksamkeit! Und was heißt das dann konkret?

Meine Freundin hat mir erzählt, dass sie anfängt zu tanzen, sich zu verkleiden, mit ihrer Tochter zu spielen. Sie schreibt, sie näht, sie malt, sie bastelt an kleinen Videos, sie verziert ihren Frühlingsbalkon ganz bunt.

Wissen Sie, was ich getan habe? Ich hatte das Bedürfnis meinen Kleiderschrank aufzuräumen und auszumisten. Die Winterpullover kamen nach hinten und die Sommerblusen nach vorne. Das ist sicher nichts Besonderes! Ich habe es aber zu normalen Arbeitszeiten getan. An einem Dienstagvormittag. Heute ging es mir nicht so gut. Deshalb habe ich mir ein leckeres Mittagessen gekocht: Spargel mit leckeren Kartoffeln und zerlassener Butter. Manchmal will ich aber auch nur in meinem Zimmer sein. Allein. Die Stille genießen. Nichts tun. Meine bedürftige Seite ist immer ganz glücklich, wenn es still ist. Das kann auch in einem Wald sein oder in einem Bergdorf, in dem gar kein Verkehr mehr zu hören ist.

Singen und Schreiben sind wichtig. Ich habe begonnen mit meiner netten Gesangslehrerin Lieder z.B. von Herrn Goethe einzuüben. Dann radel ich nach Hause und träller laut vor mich hin … hört eh niemand, wenn der Verkehr neben mir rauscht. Und dann noch meine Freundin anrufen, und über das Leben „jammern“ … dann ist morgen wieder alles besser.

Was fällt Ihnen ein, was Ihre schwache Seite heute braucht?

– ein Gespräch mit Ihrer Freundin / einem Freund?
– ein Telefonat mit Ihrem Bruder, Ihrer Schwester, Ihrer Mutter oder Ihrem Vater?
– ein Spaziergang? Eine Wanderung? Ein Picknick?
– schwimmen gehen, Fahrradfahren, Sauna …
– ein stilles Gebet, Zwiesprache mit Gott?
– ein Gespräch mit einer Pfarrerin über Gott und die Welt?
– ein Besuch im Theater, im Kino, in der Oper, im Literaturhaus?
– alle Termine im Kalender für morgen streichen?
– ein Wochenende mit den Kindern? mit dem Partner ganz allein?
– die Haare färben oder nicht mehr färben?
– das Haus auf den Kopf stellen und die Wände endlich in einer anderen Farbe streichen?

Wann besuchen Sie Ihre bedürftige Seite? Was werden Sie tun? Schreiben Sie mir. Ich freue mich aufs Kennenlernen.

5 Responses to Bekommt Ihre bedürftige Seite Besuch?

  1. Iris sagt:

    Ein heisses Bad, ein Spa-Besuch, eine Fussreflexzonenmassage, ein spannendes Buch, ein Wochenende am Meer, viel Natur und Ruhe, innehalten….das sind Dinge, die ich meiner beduerftigen Seite goenne und die mich auftanken lassen. LG, Iris

    „One of the secrets of a happy life is continuous small treats.“

  2. Petra sagt:

    Hallo Iris, schön, dass Du HIER bist 🙂 … ja, diese kontinuierlichen kleinen Streicheleinheiten im Leben sind wichtig. Da hast Du ja auch einen schönen bunten Blumenstrauß an Ideen. Danke.

  3. Liebe Frau Schuseil,

    merkwürdig – liegt das in der Luft oder wo? Am Freitag hatte ich einen akuten Anfall von Weltekel und meine schwache Seite sagte: „Will mir denn niemand ein bisschen Beachtung und Anerkennung schenken?“
    Ich wünschte mir dringend ein Gespräch, in dem ich das rauslassen und meine Wahrnehmung überprüfen konnte. Und tatsächlich kam unerwartet ein uralter Freund vorbei, der mit meinem Partner und mir lange über den vergangen Tag disktuierte.
    Wenn sich die schwache, wehleidige und etwas eitle Seite meldet, brauche ich die Aufmerksamkeit eines absolut vertrauenswürdigen Menschen, interessanterweise sind das nur Männer: mein Partner, besagter Freund und mein Bruder. Sie sind in der Lage, zuzuhören, mir in glaubwürdigem Ton Mut zuzusprechen und mir meine Fehler auf hinnehmbare Art zu erläutern.
    Etwas Unspektakuläres, für einen selbst aber Wichtiges zu tun, kann Wunder bewirken. Dafür sind die Ferien gut, wenn ich jedem Impuls nachgeben kann. Für mich ist da der Garten das Tummelfeld, auch: Möbel aufpeppen oder handwerkliche Arbeiten machen.
    Wenn es für so etwas Umfassendes keine Gelegenheit gibt, muss der Abend eine kleine Belohnung hergeben: in einem guten Buch lesen, eine Lesung/Konzert/Film besuchen, mit meinem Partner zum Italiener gehen, dort die Welträtsel lösen, in mein Tagebuch schreiben, lecker kochen und essen (alleine oder zu zweit), jemanden treffen.
    Das Wichtigste ist wohl, zu akzeptieren, dass es die bedürftige Seite gibt. Merkwürdig, dass man sie bei so vielen anderen Menschen sieht, aber nicht so oft an sich selbst. Vielen Dank für den Hinweis!

  4. Der Ausdruck „Weltekel“ trifft die Gefühlslage so richtig gut-es nervt einen in dem Moment alles und man weiss nicht richtig wieso.
    Nicht zu vergessen das die Gefühlslage von uns Frauen auch hormonnell abhängig ist.Wir können eigentlich manchmal garnichts dazu.Aber es ist gut dann in sich hinein zu horchen und nach seinen Bedürfnissen zu schauen und sich in diesen Momenten auch mal richtig zu spüren,auch mit dem Wissen das geht ja wieder vorbei-bald werde ich mich besser fühlen.Und mit dieser Erkenntnis sich etwas Schönem widmen,sich eine kleine Auszeit gönnen,gute Gespräche suchen,kreativ sein,oder auch nur herrliche Pläne schmieden….das baut auf.Ausserdem sind wir mit den Gefühlen nicht alleine auf der Welt.Das tröstet auch enorm…..
    lieben Gruß an alle Gleichgesinnten,Monika

    • @Ellen Löchner … wie schön, dass Ihr uralter Freund genau zum richtigen Zeitpunkt DA war, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich finde übrigens nicht, dass die bedürftige und schwache, weniger selbstbewusste Seite in uns, die eitle Seite in uns ist. Die schwache Seite ist die Seite in uns, die wir neben unserer starken und selbstbewussten Seite eben nie vergessen sollten und als Teil von uns anerkennen und wert-schätzen. Das Wort Welt-Ekel würde ich selbst nicht so in den Mund nehmen. Ich habe eine Idee davon, was Sie meinen und wie es Ihnen dann gehen könnte. Was könnten Sie noch tun, damit dieses Gefühl/dieser Gedanke weniger wird, vielleicht sogar gar nicht mehr Bedeutung bekommt?
      @Monika … Hallo Moni, schön von Dir hier zu lesen und dass Du hier bei mir im Blog zu Besuch bist. Ja, das eine sind die Hormone. Trotzdem mag ich nochmal deutlich machen, dass die Seite, die oftmals zu kurz kommt, weil wir sie vernachlässigen, regelmäßig gewertschätzt werden mag. Wir verdrängen gern unsere schwache Seite oder wir gönnen uns die Schwäche nicht, weil wir lieber stark sein wollen. Sicher der schwachen Seite bewusst zu sein und ihr regelmäßig Aufmerksamkeit zu schenken, das finde ich ist eine Kunst und gehört zu unserem Lebenstempo dazu. Ich spreche immer von Authentisch-sein und Einzigartigkeit. Dabei meine ich eben auch alle Facetten unserer Persönlichkeit: Die starke und die schwache Seite. Viele sonnige Grüße aus der Schweiz.

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