Auf Du und Du mit dem Lebenstempo: 10. Annegret Zander

1. Stell Dich doch bitte kurz meinen LeserInnen vor.

Als Pfarrerin leite ich das Evangelische Bildungszentrum für die zweite Lebenshälfte (ebz) in Bad Orb. Ich bin sozusagen „Hotelchefin“ und „Programmleiterin“ in einer Person, weil wir im ebz Seminare rund um die zweite Lebenshälfte anbieten, sowie Fortbildungen für alle, die mit älter werdenden Menschen arbeiten bzw. sich freiwillig engagieren. Ich bin Mutter eines 5-jährigen Kindes. Ich bin außerdem Improvisationslehrerin nach der US-amerikanischen Methode InterPlay (www.interplay.org) und arbeite mit kleinen LowTech Filmchen und performativen Interventionen als Playing Artist (www.playing-arts.de) . Und seit zwei Tagen wage ich erste Schritte als Bloggerin im „Blog für die zweite Lebenshälfte“.

2. Was gehört für Dich zum Lebenstempo dazu?

Dem Tag eine Gestalt und eine Rhythmus zu geben ist für mich zurzeit wichtig, weil sonst die Dinge, die mir gut tun und mich zu mir selbst kommen lassen, zu kurz kommen.

3. Wie schnell empfindest Du Dein Lebenstempo auf einer Skala von 0 bis 10? Bist Du mit Deinem derzeit zufrieden?

Eine 8, das ist mir zu schnell. Allerdings habe ich ein paar Bremsen eingebaut: im Rahmen meiner Kunstprojekte sticke ich – das verlangsamt wunderbar. Und morgens beginne ich neuerdings den Tag mit Körper- und Stimmübungen. Das macht den Tag insgesamt ruhiger. Ich habe wieder angefangen Zeichnen zu üben, das lässt mich das genaue hinsehen einüben und verlangsamt ebenfalls bestens.

4. Wenn Du etwas verändern könntest … was soll sich ab morgen ändern?

Ich würde gerne den Übergang zwischen Arbeit und Kind etwas entspannter hinkriegen. Eine kleine Pause, ein Spaziergang, ein Kaffee, ein kleines Bild zeichnen…

5. Mit welchem Tier würdest Du Dein Lebenstempo vergleichen?

Dürfte es ein Naturbild sein? Das liegt mir besser. Ein Fluss mit Stromschnellen, Biegungen, ruhigen Seitenarmen.

6. Gibt es ein Bild oder ein Musikstück, das Dein Lebenstempo beschreibt oder das Dir hierzu spontan einfällt?

Ich höre zurzeit gerne von René Aubry von der CD Plaisiers d´amour das Stück Salento. Das hat einen relativ schnellen inneren Motor und dabei an vielen Stellen Leichtigkeit.

7. Wie entschleunigst Du am wirkungsvollsten? Was ist nützlich für Deine Life-Balance? Worauf achtest Du besonders?

Siehe oben zu 3. In der kalten Jahreszeit in der Sauna kann ich ganz gut einen Gang herunterschalten. Bei der Arbeit ist es das Aufräumen und Planen, das mich wieder ruhiger werden lässt, weil ich dann die Arbeit im Griff habe und nicht umgekehrt. Jedenfalls bis zum nächsten Über-fluss. In allem versuche ich mich immer wieder an Gott rückzubinden, was ja die wörtliche Übersetzung von Religion ist. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut, aber wenn es gelingt, geht alles ruhiger. Neuerdings kann ich wieder Teile von Kulturzeit in 3 SAT sehen, weil mein Kind dann schon schläft. Das ist ein guter und inspirierender Grund, ein bisschen vor der Glotze abzuhängen. Und ein schöner Latte Macchiato muss auch öfter sein. Den kriege ich zum Glück auch direkt im ebz Café.

8. Ich behaupte ja, wer seine Berufung gefunden hat, kann sein Lebenstempo entsprechend gestalten. Wie denkst Du dazu?

Ich habe ja inzwischen dank deiner wunderbaren Begleitung meinen Genius herausgefunden und der hat viel mit mir als Kunstschaffender zu tun. Und seit ich das weiß, finde ich sowohl in meiner Arbeit, als auch in den anderen Bereichen meines Lebens mehr Vergnügen, mehr innere Ruhe.

9. Ich habe gelesen, dass wir Kriterien für das „Genug“ definieren müssen, um zeitsouverän zu werden. Was fällt Dir hierzu ein?

Ich denke, das Genug ergibt sich z.B. aus den Zielen, die wir uns stecken. Ich lege seit zwei Jahren zusammen mit meinem Kollegen und meinem Fachbeirat zu Jahresbeginn Ziele und Entscheidungskriterien für das kommende Jahr fest. Dann kann ich klarer Nein sagen zu Dingen, die ich ja eigentlich auch noch ganz toll und wichtig finde.

Aber ach, wenn doch jemand die Bearbeitung der Emailflut für mich übernehmen würde…

10. Was magst Du noch erzählen … ? Gibt es ein Motto, eine Lebensweisheit, die Du uns verrätst?

Ich beobachte ja nun schon eine Weile, wie ältere und alte Menschen ihr Leben leben. Dabei ist mir deutlich geworden, dass die Menschen die mich (und viele andere) beeindrucken, ihr Leben mit einer klaren Intention gestalten und dabei eine hohe Intensität entwickeln, die ihnen Kraft gibt auch da weiterzugehen, wo von außen betrachtet schon vieles nicht mehr geht. Ich kenne eine Künstlerin, 87, die Bilder malen muss, obwohl sie fast nichts mehr sieht. Eine Heilpraktikerin, die gerade 80 wurde, praktiziert, weil ihr die Begegnung mit Menschen wichtig ist und weil sie es gut kann.

An meiner Lebensintention weiter zu arbeiten – du nennst das Geniusarbeit – lohnt sich glaube ich.

Liebe Annegret, schön dass Du uns hier geantwortet hast. Wir begleiten uns nun schon einige Jahre. Toll, wie viele Rollen Du hast und souverän Deine Frau stehst. Herzlichen Glückwunsch zu Deinem ganz jungen Blog.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s