Reisebericht: Mit China-by-Bike zu den heiligen Bergen Sichuans

IMG_0639Von links nach rechts (nach Zustimmung aller Teilnehmer): Walter, Petra, Volker und Christof, Geschäftsführer von china-by-bike, Chinakenner und unser Reiseleiter. 

Die Vorgeschichte
Bettina, die mit mir vor 3 einhalb Jahren in Frankfurt im gleichen Chinesisch-Kurs war, erzählte mir begeistert von „china-by-bike.de“ und ihrer Radtour in China. Da mein Mann begeisterter Rennradfahrer ist und wir 2 Wochen im Mai Urlaub machen wollten, bot sich die einfache Radtour zu den Heiligen Bergen Sichuans idealerweise für uns an. Genau zu den Daten, die wir sowieso verreisen wollten. Kurz entschlossen haben wir uns für diese spannende Reise entschieden, Fahrradtaschen von Freunden ausgeliehen, in Discovery Bay eifrig trainiert, noch ein paar Chinesisch-Vokabeln gebüffelt und den Koffer gepackt.

Viele Infos und Details, Karten und Straßenübersichten gibt es bei www.china-by-bike.de zu lesen.

Sonntag, 10. Mai 2009
Wir sind in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan angekommen und in einem netten chinesischen Hotel untergebracht, dem Wen Jun Mansion Hotel, wo wir auch morgen Nacht noch einmal übernachten werden. Christof hat uns abgeholt, der bereits vor 20 Jahren mit dem Rucksack durch China reiste und vor allem Chengdu lieben lernte. Hier hat er vor vielen Jahren seine chinesische Frau kennengelernt.

Wir waren nachmittags im Hundertblumenteichpark und dort in einem der vielen Teegärten, die heute am Sonntag und Muttertag gut besucht waren. Wir waren für uns und sind gut zurecht gekommen mit unserer Teebestellung. Wir schlürften Blumentee und haben wie die Chinesen Erdnüsse gepuhlt.

Dann kam ein Ohrenputzer!! Ja richtig. Davon gibt es in Cheng-du viele: Männer wie Frauen. Sie putzen den putzerLeuten die Ohren. Volker hat sich drauf eingelassen, dass ihm solch ein „Meister“ dünne Stäbchen und kleine Staubwedel ins Ohr steckte. Zum Schluss gab es dann noch ein ganz besonderes Ohrenschall-Konzert, das aber nur mein Mann hören konnte.

Heute ist Montag, der 11. Mai
Wir haben eine Stadtrundfahrt in Chengdu mit dem Rad unternommen: es sind wohl 30 km gewesen. Vormittags waren wir in einer schönen Parkanlage, dem Wuhou Tempel. Die Anlage ist Zhuge Liang gewidmet, einem berühmten General aus der Zeit der „Drei Reiche“ (220 bis 280 n. Chr.). Er hatte eine wichtige Funktion und ungewöhnliche politische Strategien.

Mittags gab es lecker Dumplings: die so genannten Jiaozi. Mit Bärlauch gefüllt! Hmmm. Nachmittags haben wir uns einen ersten Eindruck des buddhistischen Glaubens gemacht im Wenshu Kloster und sind danach im Teegarten gehockt. Hier haben wir Christof’s Frau Tuko und den kleinen Jakob kennengelernt. Die beiden spielten dann chinesisches Schach.  Ein aktueller Blickpunkt, denn fast alle Chinesen, die vorbeischlenderten, blieben stehen und staunten nicht schlecht. Sie waren ganz entzückt…. Abends gab es wieder leckeres Sichuan Essen um die Ecke vom Hotel.

Dienstag, 12. Mai
Wir haben letzte Nacht gut geschlafen in unserem Hotel in Chengdu. Der Plan war, dass uns ein Auto nach Dujiangyan bringt, während die Fahrräder in einen Kleintransporter verladen wurden. Das große Erdbeben ist nur ein Quer-Tal weit entfernt in Wenchuan – dem Epizentrum – ausgebrochen. Heute ist es genau ein Jahr her, an dem es passierte. Wir sind also los um 9 Uhr morgens und mussten nach 1,5 Stunden Autofahrt im stop-and-go Tempo aufgeben, weil weder die Autobahn noch die alte Landstraße für den Verkehr frei gegeben waren und damit alle Ausfallstraßen von der Polizei verriegelt waren.

Wir entschlossen uns, mit den Fahrrädern die 55 Kilometer zu unserem Ziel zu fahren. Meine erste Herausforderung. Wir dachten, die Straßen seien gesperrt und wir hätten die Straße für uns, aber das war leider nicht der Fall. Wir sind trotzdem immer wieder in andere Staus reingekommen und das Schlimmste für mich war die schlechte Staubluft, denn es gab eine Baustelle entlang der Straße für die neue Hochgeschwindigkeitsbahn. Hust und schluck. War mein Hals ausgetrocknet! Trotzdem war es die beste Entscheidung mit dem Fahrrad zu fahren. Wir hatten ein leckeres Lunch unterwegs. Im Ort dann endlich angekommen, haben wir damageFolgen des Erdbebens gesehen: Ruinen und leerstehende Geisterhäuser, ganze Blocks!! Allerdings lag das Epizentrum noch etwas weiter weg: in Wenchuan. Dort ist heute neben Präsident Hu Jintao die versammelte chinesische Staatsprominenz zu einer Gedenkfeier angereist: deshalb die gesperrten Straßen.

Groggy sind wir im Hotel angekommen, das auf einer Anhöhe etwas außerhalb gelegen ist nahe einem Tempel. Wir sind gar nicht vorwärts gekommen, so sehr hat es sich an der bergan gehenden Straße gestaut. 1000e von Menschen, zu Fuß und im Auto wollten zum Tempel, um der Toten zu gedenken und die Götter anzubeten und die Geister zu vertreiben. Wir liegen nun im Bett und ruhen uns aus. Morgen soll es 20 km weiter gehen mit einer anschließenden Wanderung auf einen der heiligen Berge, der für den Daoismus besonders bedeutsam ist. Das Sichuan Essen ist köstlich: würzig und scharf und fettig.

Mein Hintern tut weh. Aua.

Mittwoch, 13. Mai
Heute haben uns Wanderer zum Tempel hinter dem Hotel mit ihrem Geschrei schon um 5 Uhr geweckt. Christof meinte später, die Chinesen hassen nichts mehr als Einsamkeit, Stille und Ruhe und bekommen dann Angst, die sie mit ihrem Brüllen vertreiben wollen.

Es ging vom Hotel runter in die Stadt zum Weltkulturerbe: Dem 2200 Jahre alten Bewässerungssystem. Hier wurde um 250 v. Chr. auf Anordnung des Provinzgouverneurs Li Bin der Verlauf des Min-Flusses geteilt. Es war ein unberechenbarer Strom, der immer wieder Überschwemmungen anrichtete. Er wurde an einer Halbinsel so maulgeteilt – dem sogenannten „Fischmaul“ – dass die Umleitungen keine Flutkatastrophen mehr verursachen. Ein wenig weiter flussabwärts hat er aus dem Fels (ohne Dynamit) einen Abfluss gehauen und als dritte Maßnahme noch eine Sandablagerungsstelle geschaffen. Diese genialen Ideen können wahrscheinlich nur Experten des Wasserbaus wirklich wertschätzen. Aber dennoch waren nicht nur wir da, sondern mit uns viele 1,000e von Chinesen.

Wir hatten eine kurze flache Radstrecke zu unserem nächsten (4-Sterne) Hotel zurückzulegen, dem Flying Crane Hotel. Dann ging es gleich weiter zum Qingcheng Shan, dem heiligen Berg rund um den Daoismus. Von 600 m sind wir auf bis 1240 m hoch gewandert auf Hunderten von Steinstufen. Haben steile Treppen gemeistert und viele Tempel durchquert, bis wir oben am Ziel waren und dann auch den aus Beton nachgebauten Haupttempel erreichten, in dem Laoze auf einem riesigen goldenen (angemalten) Wasserbüffel reitet. Bis hier oben waren die Schäden des Erdbebens sichtbar: Risse in den Decken und Giebeln, zerbröseltes Gemäuer.

seilbahnMit der Seilbahn (von der österreichischen Firma Doppelmayr) ging es dann wieder hinunter zu einem trocken gelegten See, der letztes Jahr noch mit einer Fähre überquert werden musste: wir konnten nun am Seegrund entlang Richtung Ausgang des riesigen Naturparks gehen. Abends gab es unter anderem Wildkräutergemüse in einem Omelette eingearbeitet. Einen kleinen leckeren pikanten Krautsalat, Auberginen, scharfes Rindfleisch und Tofu, eine hiesige Spezialität. Die Wirtin hat sich ganz angeregt mit Christof über uns und das Radfahren im Besonderen unterhalten: Wir verstehen nur „Bahnhof“, sehen aber wie sie sich über diese Unterhaltung freut.

Donnerstag, 14. Mai
Was wir heut alles erlebt und gesehen haben!!! Als wir wach wurden, regnete es. Es beruhigte sich etwas während des Frühstücks. Als wir um 9 Uhr los wollten, erwartete uns ein leichter Landregen, der die Natur in ein diesiges Licht hüllte. Ich war froh um meine billige Plastikhülle aus Vietnam, die mich trocken hielt. Aber es war doch relativ frisch und kühl. Ich war guter Dinge und wir radelten frohen Mutes los. Wir kamen an Reisfeldern vorbei und sahen die Bauern bei ihrer Arbeit, wie sie kniehoch im Wasser standen. Später fuhren wir mitten rein auf die schmalen Wege, welche die einzelnen Felder voneinander trennen und kamen den Menschen richtig nah. Sie sehen nicht so oft Ausländer (Lao wei) und grüssen uns meistens mit einem freundlichen „hello“. Immer wieder werden wir angesprochen, von wo wir denn kommen und ob wir die ganze Erde mit dem Rad umrunden wollen. Nein, nur Sichuan: um Chengdu herum.

Wenn wir essen gehen, wollen die Bedienungen und meist sogar auch die Besitzer mit uns sprechen und erzählen Christof dann ihre eigenen Erlebnisse auf dem Rad oder Geschichten mit anderen „Langnasen“. Heute mittag hatten wir dann schon die Hälfte unserer 64 km geschafft, als wir dem Treiben um uns herum von einer Strassen-Garküche aus zusahen. Das war spannend. Neben uns war ein Gemüsehändler und wir sahen wie er seine Ware auf einer alten Waage auswog. Gegenüber waren Hühner im Käfig und bei der Gemüsehändleringurke gegenüber leuchtete ein großer Kürbis bzw. eine große Wassergurke, Luffa genannt. Auf jeden Fall sind Wildkräuter eine leckere Spezialität.

Unser Ziel, die Stadt Qionglai, haben wir dann um 15 Uhr erreicht: ein einfaches aber sauberes 2-Sterne Hotel. Unser Zimmer hat ein herrlich großes Bett. Christof meinte, hier im Ort gibt’s nix zu sehen. Zu unser aller Überraschung gibt es ein kürzlich renoviertes Stadttor, welches in eine hübsch angelegte (verkehrsberuhigte) Strasse übergeht. Toll. Wir haben z.B. in einen Wollelade reingeguckt, in dem eine Frau strickte oder einem Mann dabei zugesehen, wie er eine Baumwolldecke fertig spinnt, wozu er einen Spannrahmen benutzt und mit vielen dünnen Spinnfäden ein Netz schnürt, in welchem dann die Baumwollmatten gehalten werden. Ein anderer Mann hat Kehrbleche zusammengesteckt. Die Menschen starren uns genauso an wie wir sie. Bei einer anderen Frau gab es die 100jährigen Eier zu kaufen: die rohen Enteneier werden mit einer Erdpaste eingeschmiert und dann in Strohhäcksel gewendet, bevor sie vergraben oder in den Vorratskeller gelegt werden. Bis zu drei Monate, dann ist alles schön durchgedrungen und fermentiert und essbar. Nun ja. Diese Spezialität will ich nicht versuchen. Ich find mich schon toll, dass ich morgens das chinesische Frühstück einigermaßen genießen kann: mit Klebereiskuchen und Reissuppe (ich stelle mir dann immer Porridge gedanklich vor) und gedämpftem Gemüse, mit Hackfleisch oder Gemüse gefüllten Teigbällchen und warmen Orangensaft und Sojamilch. Dazu dann Nescafé, den wir uns eigens mitgebracht bzw. eingekauft haben.

Freitag, 15. Mai
Stolz bin ich auf mich! Um 9 Uhr sind wir heute morgen los in Qionglai … 86 Kilometer bestimmt weiter und 400  Höhenmeter und 8 Stunden später sind wir in Meishan angekommen. Ich sach Euch. Ich war überhaupt nicht groggy oder erschöpft während der Fahrt. Erst jetzt, nach der Dusche, merke ich meine Beine und meinen Body. Es war sehr kurzweilig, mal hoch und dann wieder runter. Einige „Pässe von 260 Höhenmetern auf 750 Meter hoch … 😉 … Schöne Landschaft! Wie in der Toskana mit vielen Obstbäumen. Dann wieder weiter Reisfelder, Bäume, Wasser … Toll war das!

Aber mein Hintern … ohwe.

Wir sehen vor allem Menschen. Junge und Alte. Wir fahren durch Reisfelder und werden bestaunt und wir staunen auch nicht schlecht. Wir sind mitten in China und fahren mal mehr mal weniger ruhige Strassen. Wir essen, wo wir sonst nicht essen würden. Volker hat heut abend eine leichte Krise gekriegt, ob des ganzen Drecksfeuertopf um uns herum … ich bin ja auch etepetete, aber es geht. Ich vertrag alles, Gott sei Dank und hoffe, daß es so weitergeht. Ich trinke immer Bier dazu und esse Reis, meistens Gemüse, wenig Fleisch … sehr scharf, sehr fettig, sehr würzig für meine Verhältnisse. Wenn wir zurück sind, dann reicht’s …. In China ist es in weiten Teilen dreckig und die Menschen scheren sich nicht. Aber wir. In China wird gespuckt und gerotzt. Mit Kloakenwasser werden die Reisfelder bewässert. Es schüttelt mich manchmal. Die Enten schwimmen im schwarzen Wasser. Christof frage ich danach und er erklärt mir, dass auf vielen Plakaten die Aufrufe zu mehr Sauberkeit und Hygiene zu lesen sind.

Die Haut an meinem Po hat rote Streifen vom Sattel und dem Druck. Mit der Zeit kann ich nicht mehr auf dem Sattel sitzen. Also verlagere ich mein Gewicht auf den Oberschenkel. Es geht alles. Nach Stunden wird aber auch der Nacken und die Schultern lahm und die Arme werden immer kürzer und können das Lenkrad nicht mehr so richtig halten. Ach. Und das Gepäck haben wir hinten gepackt dabei in Fahrradtaschen. Gott sei Dank hab ich Müsliriegel mitgebracht, die mich unterwegs stärken und die auch von den anderen gerne als Snack genommen werden.

Morgen bleiben wir den ganzen Tag in diesem Ort … gucken uns einen Tempel an und haben nachmittags freie Zeit. Sonntag geht es weiter zum Giant Buddha. Einem riesigen in Stein gehauenen Buddha ….

Samstag, 16. Mai
Ruhetag in Meishan. Meishan heißt übrigens Augenbraue-Berg. Wir haben uns den Tempel der 3 Su-Dichter angesehen und sehr relaxed in einem Teegarten gesessen und Walter’s interessante Geschichte angehört.

Zum Lunch gab es eine leckere Nudelsuppe mit selbst gemachten Nudeln bzw. Wan Tan gefüllt mit Fleischfüllung. Wir tauchten dann noch mal ein in ein Museum, in dem es noch einmal um die 3 Dichter ging. Danach Siesta und der Highlight des Tages war sicher, dass Volker und ich gemeinsam beim chinesischen Frisör waren. Christof hatte uns dort angekündigt, es konnte also nichts mehr schief gehen. Ich ließ mir diefigaro-2 Haare waschen und fönen, mit einem Heizstab hat mir die junge Frisöse Locken gedreht. Volker wurden die Haare geschnitten und er hat dann auch noch eine Haarwäsche genossen. 

Haare waschen in China bedeutet vor allem eine Kopf- und Nackenmassage genießen dürfen. Für unseren Geschmack sehr außergewöhnlich.  Die Haare werden gezogen und es wird auch manchmal der Kopf geklopft. Das ganze Vergnügen kostete uns gemeinsam 2,20 Euro. Die Stadt war heute lebendig wie gestern. Das Viertel, in dem unser 3-Sterne Hotel liegt, heißt zufälligerweise „little Hongkong“. Rikschas fahren, Busse hupen, Fahrradfahrer klingeln und bahnen sich ihre Wege. Autos, die schnell vorankommen wollen und natürlich viele Fußgänger.

Sonntag, 17. Mai
Heute war es bewölkt, nur ein paar Sonnenstrahlen unterwegs. Wir sind von Meishan Richtung Süden nach Leshan gefahren immer entlang des Min-Flusses. 84 km war die Strecke weit. Auf dem ersten flachen Teilstück hatten wir Gegenwind aber es wurde eine interessante Tour: es ging auf und ab in Wellen durch die Natur. Kurz nach Meishan sind wir durch ein Dorf mit einem sonntäglichen Wochenmarkt „gefahren“. Wir sind kaum durchgekommen durch die enge Strasse, die verstopft war mit Fußgängern, Rad- und Rikschafahrern sogar Autos haben es versucht. Hinter eines hab ich mich „geklemmt“, es hat mir den Weg gebahnt. Mir sind mal wieder die eingelegten Eier aufgefallen, die auf der Strasse angeboten wurden. Ein paar Kilometer weiter haben wir die ruhigere alte Strasse gesucht, die abseits der Landstrasse und fast parallel verläuft. Dadurch kamen wir einem Dorf und den dort lebenden Bauern so richtig nah und gelangten auf enge Wege, die zu den Reisfeldern führten. Leider gab es keinen Weg, der uns unserem Ziel näher brachte und ein Seitenarm des Min-Flusses ohne Brücke versperrte uns die Weiterfahrt, wir landeten in einer Sackgasse.

reisfeld-2Wo auch immer wir hinkommen, begrüssen uns die Chinesen mit „HELLO“. Wir antworten dann meist mit „Ni Hao“ zurück und sind fröhlich.

Was ich heut nicht vergessen wollte zu schreiben, dass es in den Dörfern an der Strasse an fahrenden Ständen oder auch an fest installierten Gestellen Fleisch in verschiedenen Portionsgrößen vom Haken zu kaufen gibt. Die Autos und alle anderen Verkehrsteilnehmer kommen der ungekühlten Ware bis zu einem Meter nah. Nichts mit hygienischen Vorschriften. Geschlachtet wird ebenfalls vorm Haus nahe der Strasse. Wir haben Schweine, Enten und Hühner gesehen.

Heute habe ich beobachtet wie Enten von einer Frau gerufen wurden. Sie schwammen in einem Bach und kletterten dann eine nach der anderen eine kleine Holztreppe hoch.

Montag, 18. Mai
giant-budda_2Heute haben wir den „Giant Buddha“ besichtigt, den wir auch  schon von unserem Hotelzimmer aus sehen konnten. Wir standen uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber, das fand ich am schönsten. Er ist 71 Meter hoch. Es dauerte 90 Jahre, bis er fertig war. Der Mönch Haiton ließ ihn bauen, damit die Schifffahrt sicherer wurde. Denn genau an dieser Stelle treffen 3 Flüsse aufeinander und viele Schiffe kenterten, weil sie hier zusammenstießen. Das war vor 1200 Jahren. Eine steile Treppe führte uns zuerst nach unten um den Koloss herum und dann an der anderen Seite wieder hoch.

Wir sind dann Bus gefahren und dann im Nieselregen 35 km (davon einige leicht bergauf) mit dem Fahrrad nach Emei gefahren. Auf diese kurze Strecke hatte ich mich mental nicht eingestellt. Ich fand es total anstrengend, vor allem auch kalt wegen des Regens. Es war viel Verkehr und die Busse hupten wie immer laut, das nervt mit der Zeit. Endlich angekommen, nach 2,5 Stunden, konnten wir das uns angebotene „einfache Standardzimmer“ in dem 4-Sterne Grand Hotel wechseln, bevor wir zum Abendessen aufgebrochen sind. Im chinesischen Restaurant fotografierte ich die in Käfigen gehaltenen noch lebendigen Hähne, Fasanen und Karnickel, die auf der Speisekarte angeboten wurden. Um 23 Uhr wurden wir nochmal von Housekeeping geweckt, weil wir unsere Fenster schließen sollten. Die Nacht war schnell vorbei.

Dienstag, 19. Mai
Wir haben wunderbar geschlafen im „Business Zimmer“ und sind dann nach dem – bis dato – besten chinesischen Frühstücksbuffet (mit Toast, Kaffee und Marmelade sogar Melonenstücke und anderes Obst wurde offeriert) zum nahegelegen Park mit Tempel gelaufen. Diese interessante buddhistische Anlage ist die erste Pilgerstation hoch zum Mt Emei. Baoguo Monastery und Fuhu-Tempel …… Wie immer geht man von Tempel zu Tempel über Hof zu Hof. Im Eingang steht wie immer der lachende Buddha. Zum Lunch gab es lecker Nudelsuppe, dann sind wir in den Bus eingestiegen, der uns schon ganz nah an unser Kloster brachte, in dem wir heute übernachten werden. Eine gute Stunde Wanderzeit, viele Treppen nach oben und viele Sänftenträger später erreichten wir die weitläufige Klosteranlage. Wannian Si (Monastery), es bedeutet Zehntausendjahre Kloster – steht für Unendlichkeit und Ewigkeit. Hier werden wir also die Nacht verbringen. Unsere Zimmer sind wirklich sehr einfach gehaltene Zweibett-Zimmer. Besser aber als erwartet. Von wegen einfache Pilgerunterkünfte. Wir haben sogar eine eigene Toilette und eine einfache Dusche. Das ist doch super. Ich war darüber angenehm überrascht, denn ich war auf das Schlimmste eingestellt. Allerdings alles in einem reparaturbedürftigen Zustand. Nun sind wir gespannt auf das klösterliche vegetarische Essen. (Das nicht so dolle war).

kloster-2Der Abend und die Nacht waren absolut ruhig und idyllisch draußen. Dass wir eine Feueralarmprobe mit allen Klosterbewohnern miterlebten, war sicher nicht nur für uns eine relativ fröhliche Abwechslung. Um 19 Uhr hörten wir ein Klingeln und alle rannten hektisch umher, um Eimer- und Wasserschüsseln zu füllen und zum „Ort des Geschehens“ zu gelangen, wo schon 2 Feuerwehrschläuche „Wasser“ spritzten. Der Einsatzleiter und das Klosteroberhaupt gaben dann noch ihr Feedback und wir erfuhren von Christof, dass die Mitarbeiter aus der Küche wohl zu langsam waren und immer besonders behutsam sein müssen.

Mittwoch, 20. Mai
Unser letzter Etappentag. Heute sind wir vom Wannian Kloster 1500 Höhenmeter hoch zur Seilbahn (auf 2500 m) gewandert, um dann auf 3100 m Höhe zum heiligen Berg Emai Shan zu gelangen. Unsere Wanderung war einerseits wunderschön, weil wir die einzigen waren, die unterwegs waren und weil die Natur uns freute. Es war ruhig. Es strahlte die Sonne. Wir waren also bis auf wenige Ausnahmen allein unterwegs. Uns begegneten andere Pilger, die runter ins Tal wollten. Sie schnauften genauso wie wir. Runterwärts ist auch nicht so einfach. Wir aber wollten hoch. Und es ging sehr steil hoch. Und nur Treppenstufen, die uns Absatz für Absatz nachwanderinoben brachten. War das anstrengend! Ging das in die Beine! Wir sind im wahrsten Sinne „die Treppe, die sich in den Himmel schraubt“ nach oben geklettert. Und unser alter Herr hielt gut mit bis auf 2000 m Höhe, da wurde dann allmählich die Luft dünner und knapp in der Lunge.

Zum Lunch gab es in einer sehr einfachen chinesischen Almhütte mit schönem Blick Nudelsuppe, wo mich die Stäbchen das erste Mal wirklich sehr geekelt haben. Sie steckten schon in der Suppe drin und sahen sehr unappetitlich aus. Auch die Hände der Chinesin waren sehr unsauber, von den Fingernägeln gar nicht zu sprechen. Um 15.15  Uhr erreichten wir dann nach unendlich vielen Stufen die Seilbahn.

gipfel-rad

Volker brauchte übrigens die Herausforderung:   Er ist relativ kurz entschlossen mit dem Rad hoch gefahren und war schon früher da. Es war den ganze Tag über sonniges und warmes Wetter, das uns wohl etwas Kopfweh bereitete. Mit der Gondel dann oben auf dem Goldenen Gipfel angekommen, besuchten wir die relativ neue mehrköpfige Buddhastatue, die majestätisch über allem thront und von 3-zähnigen Elefanten bewacht wird. Morgen wollen wir früh aufstehen und werden uns den Sonnenaufgang anschauen. Auf einer  Sonnenterrasse haben wir unser Bier genossen, knabberten Nüsse und gingen danach direkt zum Essen, das sehr köstlich war. Gute Nacht.

Donnerstag, 21. Mai
Mein Liebster hat heut‘ Geburtstag.  Und ich war leider überhaupt nicht fit: Migräne und Übelkeit haben mich zum Sonnenaufgang geplagt, den ich auf 3,100 Meter gar nicht richtig genießen konnte. Und dann war da auch noch eine Wolkendecke, durch die sich die Sonne erst noch „durcharbeiten“ musste. Mit der Gondel ging es dann hinunter auf 2500 Höhenmeter. Volker schaffte die 50 km lange Abfahrt ins Tal in 1:20 h mit Leichtigkeit. Wir setzten uns in den Bus, der uns in Serpentinen den Emei-Shan herunterbrachte. Da wir die letzten 2 Tage nur einen Wanderrucksack bei uns hatten, holten wir im Hotel noch unsere Fahrradtaschen ab. Dort wurden auch die Räder verladen, um im Kleinlaster zurück nach Chengdu zu gelangen. Wir stiegen in einen Kleinbus zu einer Fahrerin die uns sicher zurück nach Chengdu zu unserem Hotel brachte, wo unsere Koffer deponiert waren. Hier haben wir den Nachmittag zum Ausruhen und Postkartenschreiben genutzt. Volker hat abends ein Bier ausgegeben, wir waren noch einmal lecker essen und Christof hat eine Geburtstagstorte spendiert, die wir gemütlich im Innenhof des Hotels als Dessert verputzt haben.

Wir sprachen abschließend über die Reise, hielten Resumée und tauschten unsere Gedanken aus. Unser alter Herr war beeindruckt von der spirituellen Haltung der Menschen in den Klöstern und Tempeln, der Natur und den Menschen.

Für Volker war das Beste seine Radtour hoch zum Emei-Shan auf 3100 Meter und über 50km. Ich fand die erste sehr anstrengende Etappe, mit Schwierigkeitsgrad 2 beschrieben, also zwischen 1 = „leicht“ bis 3 = „schwer und anspruchsvoll“, am schönsten, interessantesten und kurzweiligsten. Außerdem war es meine erste lange Fahrradetappe, die ich für meine Kondition sehr gut geschafft habe.

Auch wenn ich wegen unserer sehr bescheidenen Klosterunterkunft anfänglich schmollte, war es doch ein unvergessliches Erlebnis, auf 1200 m zu übernachten, an einem Ort, der tagsüber von 100en von Menschen überlaufen wird und abends zur ruhigen Oase wird. Nur noch andere wenige Gäste, die Mönche und die vielen Angestellten, die das Klosterleben lebendig und geschäftstüchtig halten, blieben abends übrig. Morgens um 5 Uhr weckte uns das spirituelle Geklingel der betenden Mönche.

Freitag, 22. Mai  … im Flieger auf dem Rückflug nach Hongkong.

China ist kein einfaches Reiseland, darauf muss man sich einstellen. Nach einigen Tagen wird alles zuviel – zumindest für „westlich“ Beheimatete! Zu viele Menschen überall, zu laut, oft zu schmutzig, zu anders, irgendwann mag man dann auch keinen Reis mehr sehen und morgens nicht wieder Gemüse essen. Aber: Das Sichuan-Essen ist köstlich: manchmal scharf, sehr pikant … sehr fett … Ohne Chinesisch ist es aussichtslos. Christof hat übersetzt, sich eingesetzt, wenn wir ein schöneres Zimmer wollten, das Essen bestellt. Ich hab ein wenig Umgangschinesisch dazugelernt und über chinesische Dichter und Denker gehört, die von den Chinesen geehrt werden. Wir haben Bekanntschaft gemacht mit den großen Religionen in China: dem Daoismus und dem Buddhismus. Der nicht als Religion geltende Konfuzianismus bestimmt bis heute die moralischen Verhaltensweisen der Chinesen. Wir sind den Menschen nah‘ gekommen auf ihren Reisfeldern, in ihren Geschäften und in ihren Garküchen. Wir haben mit ihnen gelacht, wir haben aber auch ungeduldig und leise über sie geflucht, wenn wir uns hilflos fühlten. Es ist eine Kultur, die wir nicht verstehen können, nicht mal erahnen.

Wir bleiben fremd und gefangen in unseren Vorstellungen und Einstellungen. Wir sind verwöhnt und sind einen anderen Lebensstil gewohnt, auch eine andere Hygiene. Wer sich darauf einstellen kann und bereit ist, auf Komfort zu verzichten, wird in China abseits der touristischen Pfade unbeschreiblich schöne und unvergessliche Eindrücke mit nach Hause nehmen. An meine Freundinnen und andere Ladies adressiert: Die besten Toiletten unterwegs waren die in der Natur! 🙂

Mit „China-by-Bike“ in einem ungewöhnlichen Lebenstempo – radelnder und wandernder Weise – in China eintauchen … das ist eine Reise wert! Ich mag unsere Tour nicht mehr missen und finde unsere Erlebnisse wunderbar und wertvoll. Ich bin groggy und happy diese 12 Tage mit meinem Mann gemeinsam erlebt zu haben. Wir haben viel zu erzählen und vielleicht radeln wir, wie unser 83-jähriger Herr, im rüstigen Alter auf einer anderen Tour noch einmal mit. In diesem Sinne, wie Christof die kürzeste chinesische Freundschaft während unseres Pilgerns beschrieb: Hello! Ni hao! Bye bye! Zaijian! Und die Chinesen wünschen sich nicht auf Wiedersehen, so wie wir das machen sondern sie sagen sich ‚geh langsam‘. In diesem Sinne, da ich einige Gänge runtergeschaltet habe, wünsche ich ein herzliches ‚Geh langsam‘. Ni hao und Bye bye.

emei

11 Responses to Reisebericht: Mit China-by-Bike zu den heiligen Bergen Sichuans

  1. Iris Germann sagt:

    Hallo liebe Petra, ich bin tief beeindruckt von deinem Bericht und seinem fast schon philosophischen Ende. Ich freue mich schon jetzt auf die hoffentlich vielen Fotos der Reise. Grüß mir mein Bruderherz. Liebe Grüße aus der Heimat, Iris

  2. Christof hat eine kleine Korrektur geschickt: Für den 17. Mai schreibst du „ein Seitenarm des Li’s ohne Brücke versperrte uns die Weiterfahrt“. Es war jedoch ein Seitenarm des Min-Flusses.

    Das werde ich gleich korrigieren.

    Außerdem schickte er noch ein Zitat von Konfuzius, das ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte: „Reisen erweitert den Horizont“ 😉
    Dem kann ich nur zustimmen und sage herzlich Dankeschön für alles.

  3. Liebe Iris, wir freuen uns schon sehr auf die Heimat und zeigen Euch gerne unsere etwa 750 Fotos, die wir aus dem Reich der Mitte mitgebracht haben …. wir sehen uns im August. Herzliche Grüße an die family. Petra

  4. Liebe Petra,
    ich bin auch tief beeindruckt. Ich mir vorstellen, dass Du nach diesem anspruchsvollen Trip auch in Deinem Business ganz anders „aufgestellt“ bist?!
    Herzlich
    Ingrid

  5. […] dass ich mit China-by-Bike im Mai radelnderweise in Sichuan unterwegs war. Dazu gibt es meinen Reisebericht im Blog zu […]

  6. […] am 12. Mai zu den Jahresfeierlichkeiten im Erdbeben-Unglücksgebiet unterwegs gewesen. Lesen Sie hier meinen Reisebericht: Mit China-by-Bike zu den heiligen Bergen […]

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  9. […] Reisebericht über unsere Fahrradtour in China: Zu den heiligen Bergen Sichuans. […]

  10. […] Immer wieder gern wird mein Reisebericht gelesen, als ich mit meinem Mann mit dem Fahrrad in Sichuan unterwegs war: Mit china-by-bike zu den heiligen Bergen Sichuans […]

  11. […] Du neugierig bist. Mit china-by-bike sind wir schon mal bei den Heiligen Bergen Sichuans gewesen. Hier kannst du meinen Reisebericht lesen. Walter, der damals – also vor 10 Jahren – 80-jährig mit uns unterwegs war, ist immer […]

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