Kultur des Scheiterns: Übers Scheitern reden

Mein gestriger Beitrag „Auf was kann ich verzichten?“ hat meine Leserinnen und Leser besonders interessiert, zeigt die Blogstatistik. Das freut mich. Wo auch immer ich gerade hinklicke, es wird über die Wirtschaftskrise diskutiert, manchmal lamentiert. Düstere Wolken ziehen am Finanzhimmel entlang. Die Bankenwelt und die Automobilbranche leidet am meisten. Mir klingeln die Ohren, wenn ich die Zahlen in Milliardenhöhe auch nur versuche, zu verstehen. Geht es Ihnen auch so? Meine Blog-Kollegin Monika Birkner schreibt in ihrem aktuellen Beitrag „Mutmacher-Aktionen“, dass viele Menschen mit der Situation pro-aktiv umgehen. Blog-Paraden werden ins Leben gerufen, um Mut zu machen. Das normale Leben geht auch weiter: Wir fahren in Urlaub, gehen weiter essen, genießen das Leben … 

Mir gefällt das Buch „Insolvent und trotzdem erfolgreich“ von Anne Koark gut, die uns ermutigt, über das Scheitern zu reden. Sie mußte 2001 Insolvenz beantragen und ist nun erfolgreiche Buchautorin, Trainerin und Expertin genau zu diesem brisanten Thema, das wir am liebsten verdrängen möchten. Aber wie wir alle wissen, macht Verdrängung krank. Ausgesprochen aber erleichtert es, macht uns frei. Es ist richtig: In jeder Krise versteckt sich eine Chance und doch spüre ich ein wenig Grummeln im Bauch, in der Krise gleich wieder die Chance und den möglichen Erfolg zu suchen. Es macht mir Stress. Wie wäre es denn, erstmal das mögliche Scheitern in Betracht zu ziehen. Das Scheitern anzunehmen. Anteilnehmen mit denjenigen, die wirklich um das Überlegen kämpfen müssen oder Angst haben. Und das nicht jeder, der versagt, ein Versager ist, wie Anne Koark ermutigt.

Auf changeX-online war in einem Essay von Simone Janson zu lesen: Besser scheitern

Zeit, ein Tabu zu brechen: Scheitern ist unternehmerische Normalität.
Scheitern – hierzulande gilt es immer noch als Stigma, als Ausdruck persönlichen Versagens. Der kann’s eben nicht, heißt es dann hinter vorgehaltener Hand. Schluss mit der Häme! Scheitern ist unternehmerische Normalität. Denn es ist Ausdruck des Risikos, das der Unternehmer trägt. Die Kunst besteht darin, nach Fehlschlägen wieder aufzustehen und weiterzumachen. „Das“ gilt es zu kultivieren. Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns – und des Sich-wieder- Aufrappelns.

In unseren Köpfen müssen wir umdenken lernen, dass alle, die unternehmerisch tätig sind, auch mal Fehler machen dürfen, eine Krise zu überstehen haben, Insolvenz beantragen und nach Lösungen suchen. Da müssen oft Träume begraben werden. Ohnmachtsgefühle durchgestanden werden. Da sieht man die nächsten Chancen nicht sofort. Ich wünsche mir das richtige Maß. Ich suche nach der Ruhe, dem für mich angemessenen Tempo in der Krise. Es ist okay zu scheitern, danach rappeln wir uns wieder auf. Es nimmt doch unendlich Druck heraus, finden Sie nicht? Wir versuchen immer unser Bestes. Krisen und Scheitern gehören zum Leben dazu. Hat irgendjemand behauptet, dass das Leben einfach geht? Das Scheitern in Betracht zu ziehen. Alternativen parat zu haben. Im Kopf quer-denken … mich macht es ruhig. Zum Mut gehören Löwenmut, Langmut und manchmal auch Demut. Ich bin neugierig, wie Sie dazu denken.

13 Responses to Kultur des Scheiterns: Übers Scheitern reden

  1. Heide sagt:

    Liebe Petra, sehe ich ganz genauso! Ich treibe das sogar noch ein Stück weiter und behaupte: Erfolgreiche Menschen scheitern wahrscheinlich wesentlich häufiger als andere – ganz einfach, weil sie mehr wagen und Risiken eingehen. Aber aus jedem „Versagen“ lernt man, nimmt wertvolle Erfahrungen mit. Und wird genau deshalb irgendwann erfolgreich …

  2. Liebe Heide, danke für diese Rückbestätigung, über die ich mich freue.

  3. […] Blog-Beitrag von Petra Schuseil über die Kultur des Scheiterns hat mich veranlasst, darüber noch einmal tiefer nachzudenken. Dabei merke ich, dass ich schon mit […]

  4. Hallo Petra, schön, Dein Beitrag.  So aktuell wie nie.
    Dieses Thema Scheitern dürfte immer wichtiger werden und zwar unter neuen Vorzeichen als früher. Ich stimme Heide Liebmanns Worten zu: „…Erfolgreiche Menschen scheitern wahrscheinlich wesentlich häufiger als andere – ganz einfach, weil sie mehr wagen und Risiken eingehen….“
    Mehr wagen! Wer wagt kann gewinnen, kann scheitern und kann vor allem eines, was man als Untätiger nicht kann: Lernen. Und darum weiter kommen.
    Mir gefällt die Einstellung der Amerikaner gut, die mutiger an neue Aktionen gehen und denen, die gescheitert sind viel wohlwollender gegenüber stehen. Sie belohnen den Mut, die Haltung derer, die etwas unternehmen, auch wenn es mal daneben geht….
    Wünsche Dir Frohe Ostertage!

  5. Liebe Dagmar, toll dass Du Dich an der Diskussion mitbeteiligst. Es ist ein interessantes Thema und regt zum Weiterdenken und Nach-Spüren ein. Das Zitat von Churchill auch noch an dieser Stelle: Erfolg hat der, der einmal mehr aufsteht, als er hingefallen ist. In diesem Sinne weiterhin schöne Ostertage.

  6. […] Inspiriert haben mich in den letzten Tagen die Beiträge verschiedener Unternehmerinnen in der aktuellen existenzielle, dem Magazin für Frauen in der Wirtschaft. Zu Wort kamen unter anderem Buchautorin und Coach Sabine Asgodom und Anne Koark. Sie hat das Buch geschrieben: Insolvent und trotzdem erfolgreich. Lesen Sie auch meinen viel diskutierten Blog-Artikel zum gleichen Thema. […]

  7. Claudia Frey sagt:

    Liebe Petra,
    weißt Du, wer bis heute der absolute Torschützenkönig aller Zeiten der Bundesliga ist? Gerd Müller. Und weisst Du, wer die Statistik der daneben gegangenen Torschüsse anführt? Klar. Auch Gerd Müller. Er hat sich einfach getraut zu schiessen. Oft ging’s daneben, oft aber auch rein. Ich glaube, wir könnten uns öfter trauen, zu schiessen. Und wenn’s daneben geht – dann gibt’s sicher ein nächstes Mal… Herzlich! Claudia

  8. […] Binnen wenigen Wochen haben sich alte Gewissheiten überholt. Ikonen werden gestürzt, Retter müssen gerettet, Sanierer saniert werden, Ratgeber sind ratlos, Investoren suchen nach Geld. Wir erleben in der Wirtschaft eine seltsam heldenlose Zeit. Wenn Hans jetzt abtritt, folgt ihm Hänschen nach? Natürlich gab es auch früher Aufstieg und Fall – aber das waren Einzelfälle, griechische Tragödien. Nun stürzen die Vorbilder im Kollektiv. Absoluter Tiefpunkt. Wir ahnen, dass das nicht reichen wird, Insolvenzverwalter und Berater schreiben andere Geschichten, mühsame, schmerzhafte Geschichten. Außerdem geht es nicht nur darum, dass die Helden wieder heldenhaft wie ihre Vorgänger sind – sie sollten anders sein.  Die guten Vorbilder wanken: Steve Ballmer, der sonst über Bühnen tobt und “I’ve got four words for you: I love this company!” schreit, muss erstmals in der Geschichte von Microsoft 5000 Mitarbeiter rausschmeißen. Carlos Ghosn, der “Icebreaker”, wie der frühere Daimler-Chef Jürgen Schrempp ihn einmal nannte, dieses Saniereridol von Nissan, muss bei Renault 20.000 Stellen streichen. Und doch wissen wir derzeit nicht mehr, wohin es gehen soll. Was ist richtig, was falsch? Was groß, was klein? Helden geben Orientierung. Sie schenken uns Geschichten und Bilder, die der Kapitalismus braucht, um weiterzubrodeln, sie treiben uns an, weil wir uns an ihnen reiben, sie verkörpern die Sehnsucht nach Erfolg. Können wir überhaupt heldenlos wirtschaften? In Deutschland das gleiche Bild. Die gefeierten Deals und Fusionen, die Neuordnungen der deutschen Wirtschaft – ein Fall für das Kanzleramt. Commerzbank und Dresdner, indirekt auch Postbank und Deutsche Bank, Schaeffler und Conti. Vielleicht waren es die falschen Helden, oder die wahren Helden blieben im Verborgenen. Manchem Schlagzeilenmacher und Etikettenerfinder schwant, dass er Teil des Spiels war.  […]

  9. S. DeCuir sagt:

    Hallo zusammen,

    für mich steht fest: Es gibt in Deutschland keine Kultur des Scheiterns, keine zweite Chance wie in anderen Ländern Europas.

    Das ist zwar traurig, läßt sich aber vor den aktuellen Meldungen aus der Wirtschaft nicht anderes begründen!

    Mein Posting dzau:
    http://www.westaflex-forum.de/blogparade-kultur-des-scheiterns/

    Gruss!
    Sabine

  10. sehpferd sagt:

    Guten Abend,

    ich habe mich des Themas angenommen … vielleicht demnächst auch noch auf Liebepur, je nachdem, wie viel Zeit ich habe.

    http://www.blog.wortwechsler.de/index.php?/archives/606-Der-Segen-des-Scheiterns.html

    Grüße aus Budapest

    Gebhard Roese

  11. Von den Asiaten weiß man, dass erst der Sprung in einer Schüssel sie aus ihrer Sicht „schön“ macht.
    Ein Tiger muss etwa 10x ansetzen, springen, bevor er die Beute erwischt – er scheitert also zu 90%!
    Bitte machen Sie sich das klar!
    Ein Gepard, der 5 oder 6 mal die Antilope NICHT erreicht hat, muss verhungern, wenn er kein Aas findet, weil seine Kraftreserven so schmal bemessen sind.
    Ja, es braucht eine andere Kultur, ich finde „ETHIK“ das passendere Wort, des Scheiterns.
    Danke für Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Initiative-
    Was kann ich für SIE tun?

  12. Hallo Thomas F.ügner, vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag … haben Sie die Geschichte „Der Sprung in der Schüssel“ im Blog gelesen? Eine schöne Metapher.

  13. @ Petra: DANKE für den Tipp! gegoogelt und sehr schön gefunden.
    @ all – mir fehlt(e) im Scheitern lange die emotionale Konfrontation, der Mut zur Traurigkeit, auch zur Scham. Das eben, was die Schüssel mit dem Sprung gefühlt hat! Erst das An- oder Aussprechen der Scham ebnete den Weg zur Heilung!
    Ich denke, dass die Verdrängung eben DIESER Gefühle die Ursche für das Wiederholungsmuster bildet.
    Narzisstensymptome.

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